Finanzen und Recht
Wer enterbt wurde, geht meist nicht leer aus: Nahe Angehörige haben Anspruch auf den Pflichtteil, einen Geldanspruch in Höhe der Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Hier erfahren Sie, wer berechtigt ist, wie er berechnet wird, wie Sie ihn durchsetzen und wann er verjährt.
Höhe
Die Hälfte des gesetzlichen Erbteils
Art
Reiner Geldanspruch gegen die Erben
Berechtigt
Kinder, Ehepartner, ggf. Enkel und Eltern
Frist
3 Jahre ab Ende des Jahres, in dem Sie Kenntnis erlangen
Das Bürgerliche Gesetzbuch stellt sicher, dass nahe Angehörige nicht vollständig vom Nachlass ausgeschlossen werden können, selbst wenn der Verstorbene das im Testament so wollte. Das Pflichtteilsrecht garantiert eine finanzielle Mindestbeteiligung. Wichtig zu verstehen:
Der Pflichtteil ist eine Forderung auf Auszahlung eines Geldbetrags.
Pflichtteilsberechtigte werden nicht Mitglied der Erbengemeinschaft.
Es gibt keinen Anspruch auf bestimmte Sachen wie Schmuck oder das Elternhaus, nur auf deren Wert in Euro.
Kein Rechtsrat
Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung. Die Berechnung hängt von Familie, Güterstand und Nachlass ab. Stand: September 2026. Mehr zur Vorsorge im Erbrecht.
Der Kreis der Berechtigten ist eng gefasst (§ 2303 BGB):
Kinder des Verstorbenen (ehelich, nichtehelich und adoptiert)
Ehepartner oder eingetragener Lebenspartner
Enkel, wenn ihre Eltern vorverstorben sind
Eltern, nur wenn keine Kinder oder Enkel da sind
Geschwister des Verstorbenen
Nichten und Neffen
Tanten und Onkel
Lebensgefährten ohne Trauschein
Ein häufiger Irrtum: Geschwister können keinen Pflichtteil fordern. Wer kinderlos ist und seine Geschwister im Testament enterbt, lässt sie leer ausgehen.
Der Pflichtteil beträgt immer die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Fragen Sie deshalb zuerst: Was hätte die Person ohne Testament nach der gesetzlichen Erbfolge geerbt?
Rechenbeispiel
Ein Witwer hinterlässt 200.000 € und zwei Kinder, Tochter A und Sohn B. Im Testament ist Tochter A Alleinerbin. Sohn B hätte gesetzlich 50 Prozent geerbt (100.000 €). Sein Pflichtteil ist die Hälfte davon: 25 Prozent. Er hat gegen seine Schwester einen Zahlungsanspruch von 50.000 €.
Gesetzlich 1/1, Pflichtteil 1/2 (50 %)
Gesetzlich 1/2, Pflichtteil 1/4 (25 %)
Gesetzlich 1/4, Pflichtteil 1/8 (12,5 %)
Gesetzlich 1/2, Pflichtteil 1/8 (12,5 %) plus Zugewinnausgleich
Die Quoten gelten, wenn die Ehegatten im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebten. Bei Ehegatten wird meist der „kleine Pflichtteil“ angesetzt, dazu kommt ein konkreter Zugewinnausgleich. Ihr Fall kann abweichen, lassen Sie ihn prüfen.
Wer Vermögen schon zu Lebzeiten verschenkt, um den Pflichtteil zu umgehen, hat damit nur begrenzt Erfolg. Nach § 2325 BGB werden Schenkungen der letzten zehn Jahre dem Nachlass fiktiv hinzugerechnet. Der Wert sinkt aber mit jedem vollen Jahr seit der Schenkung um ein Zehntel:
Die Schenkung zählt voll (100 %).
Sie zählt zu 90 Prozent.
Sie zählt nur noch zu 50 Prozent.
Sie bleibt unberücksichtigt (0 %).
Ausnahmen bei Immobilien
Bei Schenkungen unter Ehegatten beginnt die Zehnjahresfrist nicht, solange die Ehe besteht. Auch wenn sich der Schenker ein Nießbrauchrecht am Haus vorbehält, läuft die Frist meist nicht an. Hier können erhebliche Ansprüche bestehen.
Der Pflichtteil wird nicht automatisch vom Nachlassgericht ausgezahlt. Sie müssen selbst aktiv werden:
1
Fordern Sie die Erben auf, ein Nachlassverzeichnis zu erstellen. Sie dürfen bei der Aufnahme dabei sein oder ein notarielles Verzeichnis verlangen.
2
Bei Immobilien, Firmenanteilen oder Schmuck können Sie ein Gutachten eines Sachverständigen verlangen.
3
Auf dieser Grundlage wird die Quote berechnet und die Zahlung unter Fristsetzung gefordert.
4
Zahlen die Erben nicht, bleibt die Pflichtteilsklage.
Nicht jede Forderung ist berechtigt oder richtig berechnet. Als Erbe können Sie diese Punkte prüfen lassen:
Hat der Berechtigte zu Lebzeiten bereits größere Summen erhalten, können diese angerechnet werden.
Reicht der Nachlass nicht, kann eine Nachlassverwaltung Ihr Privatvermögen schützen.
Besteht der Nachlass fast nur aus dem selbst bewohnten Haus, kann das Gericht eine Stundung gewähren (§ 2331a BGB).
Nur in Ausnahmefällen, etwa bei schweren Straftaten gegen den Erblasser, kann der Pflichtteil entzogen werden. Das muss im Testament genau begründet sein.
Der Pflichtteilsanspruch verjährt in drei Jahren. Die Frist beginnt am Ende des Jahres, in dem der Erblasser gestorben ist und Sie von Ihrer Enterbung erfahren haben. Nach Ablauf können die Erben die Zahlung verweigern, auch wenn der Anspruch berechtigt war.
Beispiel
Der Vater stirbt am 15. Januar 2026, Sie erfahren im Februar 2026 vom Testament. Die Frist beginnt am 31. Dezember 2026 und endet am 31. Dezember 2029.
Sie wurden enterbt oder wehren eine Forderung ab? Schicken Sie uns Ihre Anfrage, wir melden uns bei Ihnen. Das Formular ersetzt keine Rechtsberatung.
Kann man den Pflichtteil im Testament ausschließen?
Faktisch kaum. Eine Entziehung ist nur bei schweren Verfehlungen möglich und muss im Testament begründet und im Streitfall bewiesen werden. Ein schlechtes Verhältnis oder Kontaktabbruch reicht nicht.
Was ist eine Pflichtteilsstrafklausel?
Beim Berliner Testament setzen sich Ehepartner gegenseitig als Alleinerben ein, die Kinder erben erst nach dem zweiten Todesfall. Fordert ein Kind schon beim ersten Todesfall den Pflichtteil, greift oft eine Strafklausel: Es erhält auch beim zweiten Todesfall nur den Pflichtteil. Mehr im Ratgeber Testament erstellen.
Wer zahlt Nachlassverzeichnis und Gutachten?
Die Kosten fallen dem Nachlass zur Last. Der Erbe muss sie vorstrecken, sie mindern aber den Wert des Nachlasses und damit indirekt auch den Pflichtteil.
Muss ich Erbschaftsteuer auf den Pflichtteil zahlen?
Ja, der Pflichtteil unterliegt der Erbschaftsteuer. Es gelten aber die Freibeträge, etwa 400.000 € je Kind und 500.000 € für den Ehepartner. Die Steuer fällt erst an, wenn der Anspruch geltend gemacht wird.
Was, wenn der Erbe mich nicht auszahlen kann?
Der Anspruch ist sofort fällig. Der Erbe muss notfalls Nachlassgegenstände verkaufen oder einen Kredit aufnehmen. In Härtefällen kann eine Stundung beantragt werden. Der Anspruch bleibt bestehen und wird oft verzinst.
Mit einem klaren Testament beugen Sie Konflikten um den Pflichtteil vor.